Mit «Fenichel» pflegte schmuck- und grusslos der Autor jener
119 Rundbriefe, die uns nun in einer mehr als zweitausend Seiten
umfassenden Ausgabe vorliegen, seine einzigartigen Dokumente zu
unterzeichnen. Sie stellen fraglos die wichtigste Quelle für
eine Geschichtsschreibung der Psychoanalyse in der Zeit des
Nationalsozialismus und der Emigration dar. Als eine «Chronik
der laufenden Ereignisse» aus der Teilnehmerperspektive sind sie
zugleich ihr bedeutendster Teil. Möglicherweise - es wäre zu
hoffen - sind sie ja auch geeignet, die Person ihres Autors aus
der Emigration des Vergessens zu erlösen.
Otto Fenichel ist einer der grossen Männer der Psychoanalyse,
die kaum jemand wirklich kennt. In gewisser Hinsicht teilt er
damit das Schicksal seiner, der zweiten, Generation
deutschsprachiger Psychoanalytiker. Sie hätten die Chance
gehabt, die Wissenschaftsgeschichte der Psychoanalyse um ein
entscheidendes Kapitel innovativer Theoriebildung zu erweitern, wäre
ihnen nicht die Realgeschichte so brutal in die Quere gekommen.
Auf diese Generation von Analytikern ist das Diktum Russell
Jacobys gemünzt, wenn er in seiner Geschichte der exilierten
Psychoanalyse schreibt: «Die Vertreibung aus Mitteleuropa
versetzte die Psychoanalytiker in einen Schrecken, von dem sie
sich nie mehr erholten. Dass die Psychoanalyse im Exil und
insbesondere in den Vereinigten Staaten prosperierte, täuscht über
dieses Trauma hinweg. Ihre kühnsten Theoretiker entfalteten
niemals wieder die intellektuelle Kraft, die sie in den Jahren
vor Hitlers Machtergreifung ausgezeichnet hatte. Die Stunde des
Exils läutete den Rückzug aus der Theorie ein. Analytiker, die
um Visa und Einreiseerlaubnisse betteln mussten, waren verständlicherweise
kaum in der Lage, den psychoanalytischen Diskurs voranzutreiben.»
Der Marxist
Fenichel war vielleicht der letzte, der dem von Jacoby
beschworenen «Geist kühner Theoriebildung» der ersten
Generation treu geblieben ist. Er war es allerdings nicht zuletzt
aus einem Motiv, das die Mehrzahl der heutigen Analytiker als «ausseranalytisch»
brandmarken würde. Als Marxist verstand er nämlich die
Psychoanalyse nicht nur als eine Therapieform, sondern als das
logische und notwendige theoretische Komplement der auf
Emanzipation zielenden Marxschen Theorie der Gesellschaft.
1897 als Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts in Wien geboren,
hatte Otto Fenichel schon in seiner Schulzeit Kontakt zu
sozialistischen Kreisen. Wahrscheinlich hat ihn sein Freund
Siegfried Bernfeld, damals einer der Repräsentanten des linken
Flügels der Jugendbewegung, auf die Psychoanalyse aufmerksam
gemacht. Als Medizinstudent gründet er 1919 in Wien ein «Seminar
für Sexuologie», ein Jahr später ist er bereits Mitglied der
Wiener Psychoanalytischen Vereinigung und Lehranalysand bei Paul
Federn. 1922 wechselt Fenichel nach Berlin und setzt seine
Analyse bei Sandor Rado fort. Zusammen mit Harald Schultz-Hencke
gründet er hier 1924 eine Gruppe gesellschaftspolitisch
interessierter junger Analytiker, die den Kern der späteren
Adressaten seiner Rundbriefe bilden wird, das sogenannte «Kinderseminar».
1933 geht Fenichel nach Oslo, 1935 übernimmt er die Leitung der
psychoanalytischen Arbeitsgemeinschaft in Prag, 1938 emigriert er
nach Los Angeles. Als er hier 1946 stirbt, hat er nahezu die Hälfte
seines Erwachsenenlebens im Exil verbracht, sich in verschiedenen
Ländern, Sprachen und wissenschaftlichen Kulturen behaupten müssen.
Der Systematisierer
Mag Otto Fenichel die Elendsgeschichte der erzwungenen Emigration
mit vielen seiner analytischen Berufskollegen teilen, so ragt er
durch seine den Umständen abgetrotzte eminente theoretische
Produktivität hervor: Schon als er Berlin verlassen muss, weist
seine Publikationsliste mehr als zweihundert Titel auf. Am Ende
seines Lebens werden es etwa dreimal so viele sein. Seine
Korrespondenz umfasst mehr als 10'000 Briefe. Überliefert ist,
dass er die Behandlungspausen zwischen zwei Patienten häufig mit
der Arbeit an Manuskripten füllte.
Seine ungewöhnliche Arbeitsdisziplin verband sich mit einem
Talent zur Systematisierung und einer beinahe naiven Lust, die
Ereignisse des Lebens im Wortsinn zu «registrieren»: Fenichel führte
zeitlebens über seine Konzert-, Theater- und Filmbesuche ebenso
Buch wie über seine Reisen. Dabei war er weder ein «spröder
Systematisierer» noch ein Zwangscharakter. Von Zeitzeugen wird
er als charmanter und geistreicher Unterhalter geschildert,
grosszügig in Geldangelegenheiten und seinen Studenten ein
ebenso hingebungsvoller Lehrer wie seinen Patienten ein zuverlässiger
analytischer Partner.
Eine solche Kombination von Eigenschaften ist wohl notwendig
gewesen, um die einsame Chronistentätigkeit unbeirrt
durchzuhalten, die die Herausgabe der Rundbriefe bedeutete.
Fenichel hatte sie auf sich genommen, um die kleine, durch die
Emigration bald über drei Kontinente verstreute Gruppe
marxistischer Analytiker, die sich in Berlin gebildet hatte,
wenigstens in Form einer Briefgemeinschaft zusammenzuhalten. Die
häufig selbst getippten Briefe, die im Umfang bis zu 80 Seiten
stark sind, sollten diese Gruppe sowohl über die Vorgänge
innerhalb der psychoanalytischen Bewegung als auch über neue
Literatur, «insbesondere auf dem psychoanalytisch-sozialen
Gebiete» informieren.
Der Reich-Antipode
Schon bald leistete Fenichel diese Arbeit ohne die ursprünglich
vereinbarte inhaltliche und finanzielle Unterstützung der
anderen Gruppenmitglieder. Deren Namen sind heute mehrheitlich
selbst Insidern kaum bekannt - abgesehen von einem, der jedoch
schon bald aus dem Kreis der Adressaten herausfiel: Wilhelm
Reich, Fenichels lebenslangem Alter ego und Antipoden in Sachen
Psychoanalyse und Politik. Ähnlich wie er strebte der
gleichaltrige Reich eine Verbindung von Marxismus und
Psychoanalyse an, allerdings in einer Intransigenz, die ihm
letztlich den Ausschluss sowohl aus der Kommunistischen Partei
als auch aus der Psychoanalytischen Vereinigung einbrachte.
In gewisser Weise lässt sich die Gründungsidee der «Rundbriefe»
auf die sachliche Übereinstimmung und die taktische Differenz
von Reich und Fenichel zurückführen: Als 1931 in der von
Fenichel herausgegebenen «Zeitschrift für Psychoanalyse» ein
Aufsatz von Reich erscheinen sollte, hatte Freud verfügt, dass
er «nur mit einer von ihm verfassten Fussnote erscheinen dürfte,
deren Publikation allen sozialistischen Analytikern höchst
unwillkommen gewesen wäre. Aus diesem Anlass berief ich die
<linken> Analytiker Berlins zusammen, um mit ihnen zu
beraten, was zu tun sei. Wir versuchten, Reich zu gewissen Änderungen
zu bewegen, die dieser strikt ablehnte. (...) Dies war unsere
erste Zusammenkunft. (Sie war einberufen worden, um in
gemeinsamer Arbeit Reichs Halsstarrigkeit zu bekämpfen; nicht,
wie Reich später einmal publiziert hat, weil Reich mich gebeten
hat, seine Anschauungen den Kollegen darzulegen, weil er keine
Zeit hatte.)»
Der Rundbriefschreiber
Im Gegensatz zu Reich betonte Fenichel stets die Notwendigkeit,
marxistische Positionen innerhalb der psychoanalytischen
Vereinigung zur Geltung zu bringen und Kritik «jederzeit
immanent psychoanalytisch» zu formulieren. Die von ihm
zusammengebrachte Gruppe folgte seiner Position - und blieb für
den Rest seines Lebens ein wichtiger, wahrscheinlich sogar der
entscheidende Adressat seiner Option, Marxismus und Psychoanalyse
zu einer Theorie der Gegenwart zusammenzubringen. In der
Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung ist er mit seinen
Bemühungen um eine Synthese der beiden Jahrhunderttheorien
ebenso gescheitert wie mit dem Versuch, «gute Marxisten für die
volle Ausbildung zum Analytiker zu gewinnen», um damit den
psychoanalytischen Dilettantismus in Sachen Gesellschaftsanalyse
zu überwinden.
Niemals mehr hat Fenichel eine Form des Austauschs gefunden, die
wissenschaftliche, politische und persönliche Motive so
weitgehend zusammenbrachte wie das für die Berliner Gruppe galt.
Als er 1940 in einem der Rundbriefe Rückschau auf ihre
Geschichte hält, wird die politische Resignation ihres
Verfassers deutlich: Hätten die Briefe anfangs einen, wenn auch
«kindisch politischen Charakter» gehabt, so seien sie
mittlerweile «mehr oder minder meine persönliche
Privatangelegenheit geworden». Deutlich wird jedoch auch: Der «private»
Grund, der ihn 1934 dazu bewogen hatte, die Herausgabe der Briefe
zu übernehmen, hat mittlerweile einen (exil)politischen
Stellenwert erhalten. Die ursprüngliche «Sehnsucht» der
Emigranten nach dem Kontakt zueinander und zu einer selbstverständlichen
Gruppenkultur, aus der die Idee der Rundbriefe geboren wurde, hat
in der fortdauernden Emigration eine überlebenssichernde
Bedeutung bekommen: «Ich weiss», schreibt Fenichel im 72. der
Briefe, «dass sie für manche Kollegen den einzigen wirklichen
Kontakt mit der übrigen analytischen Welt darstellen.»
Der Resignierte
Längst ist zu diesem Zeitpunkt klar, dass es weniger das
politische Programm als der Wunsch nach Aufrechterhaltung der
alten Kommunikationsgemeinschaft ist, die Fenichel zur
Fortsetzung der Arbeit am einseitig gewordenen «Austausch» anhält.
Die ursprüngliche Gruppe der Adressaten ist als politische
imaginär geworden: «Wenn es eine Gruppe marxistischer
Analytiker gäbe, die sich entschlösse, auf diesem Gebiete zu
arbeiten und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass die Entwicklung
der psychoanalytischen Organisationen nicht in eine
widersprechende Richtung gerate, - wenn es eine solche Gruppe gäbe,
so müsste sie sich in irgendeiner losen Organisationsform
zusammenfinden. Als ein Mittelding zwischen Organisationsmangel
und Geheimbündelei wäre dann ein solches Bindemittel wie die
<Rundbriefe> sehr geeignet. Aber die Frage ist: Gibt es
heute eine solche Gruppe?»
Der Kritiker
Ein komplementärer Vorbehalt gilt für das psychoanalytische
Organisationswesen im ganzen. Hatte Fenichel gerade gegen Reichs
drängende Kritik, der aus der IPV Elemente wie «Priester und
reaktionär gesinnte Ärzte» ausgeschlossen wissen wollte und
auf der «Vernichtung jeder persönlichen Bindung zu den
Menschen, von denen man den bestimmten Eindruck gewann, das sie
nurmehr bremsen» bestand, doch die Struktur der
psychoanalytischen Organisation verteidigt, so stellt sich ihm
angesichts der US-amerikanischen Verhältnisse die Frage, ob
nicht heute die psychoanalytischen «Organisationen mit ihrer
starren <medizinischen> Orientierung die wissenschaftliche
Entwicklung mehr blocken als der allgemeine Widerstand der Welt.»
Womit wir unversehens in der Gegenwart gelandet wären. Reimut
Reiche, einer derjenigen, die eine Generation nach Fenichel
versuchten, die Debatte um eine Verbindung von Marxismus und
Psychoanalyse wiederzubeleben, hat jüngst die Rundbriefe als ein
«ergreifendes Dokument des Widerstands und des Heroismus»
bezeichnet. Nicht von der Hand zu weisen, dass in dieser
Charakterisierung ein wenig die melancholische Erinnerung an den
eigenen Versuch mitschwingt, aus dieser Synthese
emanzipatorischen Landgewinn zu erzielen. Erinnern wir uns: Auf
eben diese Verbindung von Marxismus und Psychoanalyse hatte sich
zur Zeit des gesellschaftlichen Aufbruchs von 1968 die Hoffnung
auf individuelle und gesellschaftliche Befreiung gestützt. Vor
30 Jahren wäre die Herausgabe von Fenichels «Rundbriefen» denn
auch tatsächlich, wie Klaus Laermann anmerkte, eine Sensation
gewesen.
Heute wird die Edition keine politische, sondern nurmehr eine
Orientierungsfunktion für die Wissenschaftshistoriker haben. In
der aktuellen Wissenschaftslandschaft gelten die
Emanzipationstheorien «von damals» fast gleichermassen wenig:
Ist der Marxismus eindeutig im theoretischen Abseits, so die
Psychoanalyse, geht es nach den Wünschen der Verwalter des
wissenschaftlichen Mainstreams, auf dem besten Weg dorthin.
Heute bedeutet die Herausgabe der Fenichel-Rundbriefe einen
wissenschaftsgeschichtlichen Markstein deswegen, weil er die
Geschichte und das Scheitern einer theoretisch begründeten
politischen Hoffnung dokumentiert, die eine Generation von
Psychoanalytikern geprägt hat, die nun mehrheitlich mit ihren
Anfängen kaum mehr etwas anzufangen weiss. Heute hat der
seinerzeit unterbliebene Raubdruck der Rundbriefe die copyrightmässig
höchst abgesicherte Form eines, zu allem Überfluss auch noch ästhetisch
gelungenen, leinengebundenen Zweibänders gefunden, der sich in
Form einer beigefügten CD-Rom medial gleichsam noch einmal
verdoppelt: mit allen Vorzügen für die wissenschaftliche Arbeit
und die Orientierung in den 2000 Textseiten.
Über die Dignität der Editionsarbeit ist ein kleiner Streit
entbrannt: Die einen meinen, die Arbeit von Elke Mühlleitner und
Johannes Reichmayr bleibe hinter den Standards vergleichbarer
Editionen hinsichtlich der Kommentierung von Personen und
Ereignissen zurück, die anderen loben die «Professionalität
und Perfektion» der Herausgeber. Für mich ist der beigegebene
Apparat, der neben dem Literaturverzeichnis sorgfältige «Kurzbiographien
zu den Mitgliedern des engeren Kreises», biographische
Anmerkungen zu in den Rundbriefen zitierten Personen, eine
Gesamtbibliographie Otto Fenichels, einen Namens, sowie einen
Index der Organisationen und Institutionen, der Kongresse,
Tagungen und Veranstaltungen und der besprochenen und erwähnten
Literatur umfasst, mehr als ausreichend. Perfekt ist im Leben
ohnehin nichts, zugänglich nur weniges. Deshalb ist jeder
Versuch zu begrüssen, Verschüttetes wieder zugänglich zu
machen.Im Fall der Rundbriefe ist der Gewinn für eine
wissenschaftliche Rekonstruktion des 20. Jahrhunderts so gross,
dass man den Verantwortlichen für die Herausgabe der Rundbriefe
aufrichtig dankbar sein kann.
Christian Schneider
Otto Fenichel: «119 Rundbriefe». Hrsg. von Elke Mühlleitner
und Johannes Reichmayr. Zwei Bände und CD-Rom.
Stroemfeld-Verlag, Frankfurt am Main und Basel. 2137 S., Fr.
398.-.
(From "Basler Zeitung", 29 May 1999)