Der Mann, der Freud und Marx zusammenbringen wollte

Von Christian Schneider

Über die in der Emigration verfassten «119 Rundbriefe» des Psychoanalytikers Otto Fenichel (1894-1946), die nun in einer Edition bei Stroemfeld vorliegen

Mit «Fenichel» pflegte schmuck- und grusslos der Autor jener 119 Rundbriefe, die uns nun in einer mehr als zweitausend Seiten umfassenden Ausgabe vorliegen, seine einzigartigen Dokumente zu unterzeichnen. Sie stellen fraglos die wichtigste Quelle für eine Geschichtsschreibung der Psychoanalyse in der Zeit des Nationalsozialismus und der Emigration dar. Als eine «Chronik der laufenden Ereignisse» aus der Teilnehmerperspektive sind sie zugleich ihr bedeutendster Teil. Möglicherweise - es wäre zu hoffen - sind sie ja auch geeignet, die Person ihres Autors aus der Emigration des Vergessens zu erlösen.

Otto Fenichel ist einer der grossen Männer der Psychoanalyse, die kaum jemand wirklich kennt. In gewisser Hinsicht teilt er damit das Schicksal seiner, der zweiten, Generation deutschsprachiger Psychoanalytiker. Sie hätten die Chance gehabt, die Wissenschaftsgeschichte der Psychoanalyse um ein entscheidendes Kapitel innovativer Theoriebildung zu erweitern, wäre ihnen nicht die Realgeschichte so brutal in die Quere gekommen. Auf diese Generation von Analytikern ist das Diktum Russell Jacobys gemünzt, wenn er in seiner Geschichte der exilierten Psychoanalyse schreibt: «Die Vertreibung aus Mitteleuropa versetzte die Psychoanalytiker in einen Schrecken, von dem sie sich nie mehr erholten. Dass die Psychoanalyse im Exil und insbesondere in den Vereinigten Staaten prosperierte, täuscht über dieses Trauma hinweg. Ihre kühnsten Theoretiker entfalteten niemals wieder die intellektuelle Kraft, die sie in den Jahren vor Hitlers Machtergreifung ausgezeichnet hatte. Die Stunde des Exils läutete den Rückzug aus der Theorie ein. Analytiker, die um Visa und Einreiseerlaubnisse betteln mussten, waren verständlicherweise kaum in der Lage, den psychoanalytischen Diskurs voranzutreiben.»

Der Marxist

Fenichel war vielleicht der letzte, der dem von Jacoby beschworenen «Geist kühner Theoriebildung» der ersten Generation treu geblieben ist. Er war es allerdings nicht zuletzt aus einem Motiv, das die Mehrzahl der heutigen Analytiker als «ausseranalytisch» brandmarken würde. Als Marxist verstand er nämlich die Psychoanalyse nicht nur als eine Therapieform, sondern als das logische und notwendige theoretische Komplement der auf Emanzipation zielenden Marxschen Theorie der Gesellschaft.
1897 als Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts in Wien geboren, hatte Otto Fenichel schon in seiner Schulzeit Kontakt zu sozialistischen Kreisen. Wahrscheinlich hat ihn sein Freund Siegfried Bernfeld, damals einer der Repräsentanten des linken Flügels der Jugendbewegung, auf die Psychoanalyse aufmerksam gemacht. Als Medizinstudent gründet er 1919 in Wien ein «Seminar für Sexuologie», ein Jahr später ist er bereits Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung und Lehranalysand bei Paul Federn. 1922 wechselt Fenichel nach Berlin und setzt seine Analyse bei Sandor Rado fort. Zusammen mit Harald Schultz-Hencke gründet er hier 1924 eine Gruppe gesellschaftspolitisch interessierter junger Analytiker, die den Kern der späteren Adressaten seiner Rundbriefe bilden wird, das sogenannte «Kinderseminar». 1933 geht Fenichel nach Oslo, 1935 übernimmt er die Leitung der psychoanalytischen Arbeitsgemeinschaft in Prag, 1938 emigriert er nach Los Angeles. Als er hier 1946 stirbt, hat er nahezu die Hälfte seines Erwachsenenlebens im Exil verbracht, sich in verschiedenen Ländern, Sprachen und wissenschaftlichen Kulturen behaupten müssen.

Der Systematisierer

Mag Otto Fenichel die Elendsgeschichte der erzwungenen Emigration mit vielen seiner analytischen Berufskollegen teilen, so ragt er durch seine den Umständen abgetrotzte eminente theoretische Produktivität hervor: Schon als er Berlin verlassen muss, weist seine Publikationsliste mehr als zweihundert Titel auf. Am Ende seines Lebens werden es etwa dreimal so viele sein. Seine Korrespondenz umfasst mehr als 10'000 Briefe. Überliefert ist, dass er die Behandlungspausen zwischen zwei Patienten häufig mit der Arbeit an Manuskripten füllte.
Seine ungewöhnliche Arbeitsdisziplin verband sich mit einem Talent zur Systematisierung und einer beinahe naiven Lust, die Ereignisse des Lebens im Wortsinn zu «registrieren»: Fenichel führte zeitlebens über seine Konzert-, Theater- und Filmbesuche ebenso Buch wie über seine Reisen. Dabei war er weder ein «spröder Systematisierer» noch ein Zwangscharakter. Von Zeitzeugen wird er als charmanter und geistreicher Unterhalter geschildert, grosszügig in Geldangelegenheiten und seinen Studenten ein ebenso hingebungsvoller Lehrer wie seinen Patienten ein zuverlässiger analytischer Partner.
Eine solche Kombination von Eigenschaften ist wohl notwendig gewesen, um die einsame Chronistentätigkeit unbeirrt durchzuhalten, die die Herausgabe der Rundbriefe bedeutete. Fenichel hatte sie auf sich genommen, um die kleine, durch die Emigration bald über drei Kontinente verstreute Gruppe marxistischer Analytiker, die sich in Berlin gebildet hatte, wenigstens in Form einer Briefgemeinschaft zusammenzuhalten. Die häufig selbst getippten Briefe, die im Umfang bis zu 80 Seiten stark sind, sollten diese Gruppe sowohl über die Vorgänge innerhalb der psychoanalytischen Bewegung als auch über neue Literatur, «insbesondere auf dem psychoanalytisch-sozialen Gebiete» informieren.

Der Reich-Antipode

Schon bald leistete Fenichel diese Arbeit ohne die ursprünglich vereinbarte inhaltliche und finanzielle Unterstützung der anderen Gruppenmitglieder. Deren Namen sind heute mehrheitlich selbst Insidern kaum bekannt - abgesehen von einem, der jedoch schon bald aus dem Kreis der Adressaten herausfiel: Wilhelm Reich, Fenichels lebenslangem Alter ego und Antipoden in Sachen Psychoanalyse und Politik. Ähnlich wie er strebte der gleichaltrige Reich eine Verbindung von Marxismus und Psychoanalyse an, allerdings in einer Intransigenz, die ihm letztlich den Ausschluss sowohl aus der Kommunistischen Partei als auch aus der Psychoanalytischen Vereinigung einbrachte.
In gewisser Weise lässt sich die Gründungsidee der «Rundbriefe» auf die sachliche Übereinstimmung und die taktische Differenz von Reich und Fenichel zurückführen: Als 1931 in der von Fenichel herausgegebenen «Zeitschrift für Psychoanalyse» ein Aufsatz von Reich erscheinen sollte, hatte Freud verfügt, dass er «nur mit einer von ihm verfassten Fussnote erscheinen dürfte, deren Publikation allen sozialistischen Analytikern höchst unwillkommen gewesen wäre. Aus diesem Anlass berief ich die <linken> Analytiker Berlins zusammen, um mit ihnen zu beraten, was zu tun sei. Wir versuchten, Reich zu gewissen Änderungen zu bewegen, die dieser strikt ablehnte. (...) Dies war unsere erste Zusammenkunft. (Sie war einberufen worden, um in gemeinsamer Arbeit Reichs Halsstarrigkeit zu bekämpfen; nicht, wie Reich später einmal publiziert hat, weil Reich mich gebeten hat, seine Anschauungen den Kollegen darzulegen, weil er keine Zeit hatte.)»

Der Rundbriefschreiber

Im Gegensatz zu Reich betonte Fenichel stets die Notwendigkeit, marxistische Positionen innerhalb der psychoanalytischen Vereinigung zur Geltung zu bringen und Kritik «jederzeit immanent psychoanalytisch» zu formulieren. Die von ihm zusammengebrachte Gruppe folgte seiner Position - und blieb für den Rest seines Lebens ein wichtiger, wahrscheinlich sogar der entscheidende Adressat seiner Option, Marxismus und Psychoanalyse zu einer Theorie der Gegenwart zusammenzubringen. In der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung ist er mit seinen Bemühungen um eine Synthese der beiden Jahrhunderttheorien ebenso gescheitert wie mit dem Versuch, «gute Marxisten für die volle Ausbildung zum Analytiker zu gewinnen», um damit den psychoanalytischen Dilettantismus in Sachen Gesellschaftsanalyse zu überwinden.
Niemals mehr hat Fenichel eine Form des Austauschs gefunden, die wissenschaftliche, politische und persönliche Motive so weitgehend zusammenbrachte wie das für die Berliner Gruppe galt. Als er 1940 in einem der Rundbriefe Rückschau auf ihre Geschichte hält, wird die politische Resignation ihres Verfassers deutlich: Hätten die Briefe anfangs einen, wenn auch «kindisch politischen Charakter» gehabt, so seien sie mittlerweile «mehr oder minder meine persönliche Privatangelegenheit geworden». Deutlich wird jedoch auch: Der «private» Grund, der ihn 1934 dazu bewogen hatte, die Herausgabe der Briefe zu übernehmen, hat mittlerweile einen (exil)politischen Stellenwert erhalten. Die ursprüngliche «Sehnsucht» der Emigranten nach dem Kontakt zueinander und zu einer selbstverständlichen Gruppenkultur, aus der die Idee der Rundbriefe geboren wurde, hat in der fortdauernden Emigration eine überlebenssichernde Bedeutung bekommen: «Ich weiss», schreibt Fenichel im 72. der Briefe, «dass sie für manche Kollegen den einzigen wirklichen Kontakt mit der übrigen analytischen Welt darstellen.»

Der Resignierte

Längst ist zu diesem Zeitpunkt klar, dass es weniger das politische Programm als der Wunsch nach Aufrechterhaltung der alten Kommunikationsgemeinschaft ist, die Fenichel zur Fortsetzung der Arbeit am einseitig gewordenen «Austausch» anhält. Die ursprüngliche Gruppe der Adressaten ist als politische imaginär geworden: «Wenn es eine Gruppe marxistischer Analytiker gäbe, die sich entschlösse, auf diesem Gebiete zu arbeiten und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass die Entwicklung der psychoanalytischen Organisationen nicht in eine widersprechende Richtung gerate, - wenn es eine solche Gruppe gäbe, so müsste sie sich in irgendeiner losen Organisationsform zusammenfinden. Als ein Mittelding zwischen Organisationsmangel und Geheimbündelei wäre dann ein solches Bindemittel wie die <Rundbriefe> sehr geeignet. Aber die Frage ist: Gibt es heute eine solche Gruppe?»

Der Kritiker

Ein komplementärer Vorbehalt gilt für das psychoanalytische Organisationswesen im ganzen. Hatte Fenichel gerade gegen Reichs drängende Kritik, der aus der IPV Elemente wie «Priester und reaktionär gesinnte Ärzte» ausgeschlossen wissen wollte und auf der «Vernichtung jeder persönlichen Bindung zu den Menschen, von denen man den bestimmten Eindruck gewann, das sie nurmehr bremsen» bestand, doch die Struktur der psychoanalytischen Organisation verteidigt, so stellt sich ihm angesichts der US-amerikanischen Verhältnisse die Frage, ob nicht heute die psychoanalytischen «Organisationen mit ihrer starren <medizinischen> Orientierung die wissenschaftliche Entwicklung mehr blocken als der allgemeine Widerstand der Welt.»
Womit wir unversehens in der Gegenwart gelandet wären. Reimut Reiche, einer derjenigen, die eine Generation nach Fenichel versuchten, die Debatte um eine Verbindung von Marxismus und Psychoanalyse wiederzubeleben, hat jüngst die Rundbriefe als ein «ergreifendes Dokument des Widerstands und des Heroismus» bezeichnet. Nicht von der Hand zu weisen, dass in dieser Charakterisierung ein wenig die melancholische Erinnerung an den eigenen Versuch mitschwingt, aus dieser Synthese emanzipatorischen Landgewinn zu erzielen. Erinnern wir uns: Auf eben diese Verbindung von Marxismus und Psychoanalyse hatte sich zur Zeit des gesellschaftlichen Aufbruchs von 1968 die Hoffnung auf individuelle und gesellschaftliche Befreiung gestützt. Vor 30 Jahren wäre die Herausgabe von Fenichels «Rundbriefen» denn auch tatsächlich, wie Klaus Laermann anmerkte, eine Sensation gewesen.
Heute wird die Edition keine politische, sondern nurmehr eine Orientierungsfunktion für die Wissenschaftshistoriker haben. In der aktuellen Wissenschaftslandschaft gelten die Emanzipationstheorien «von damals» fast gleichermassen wenig: Ist der Marxismus eindeutig im theoretischen Abseits, so die Psychoanalyse, geht es nach den Wünschen der Verwalter des wissenschaftlichen Mainstreams, auf dem besten Weg dorthin.
Heute bedeutet die Herausgabe der Fenichel-Rundbriefe einen wissenschaftsgeschichtlichen Markstein deswegen, weil er die Geschichte und das Scheitern einer theoretisch begründeten politischen Hoffnung dokumentiert, die eine Generation von Psychoanalytikern geprägt hat, die nun mehrheitlich mit ihren Anfängen kaum mehr etwas anzufangen weiss. Heute hat der seinerzeit unterbliebene Raubdruck der Rundbriefe die copyrightmässig höchst abgesicherte Form eines, zu allem Überfluss auch noch ästhetisch gelungenen, leinengebundenen Zweibänders gefunden, der sich in Form einer beigefügten CD-Rom medial gleichsam noch einmal verdoppelt: mit allen Vorzügen für die wissenschaftliche Arbeit und die Orientierung in den 2000 Textseiten.
Über die Dignität der Editionsarbeit ist ein kleiner Streit entbrannt: Die einen meinen, die Arbeit von Elke Mühlleitner und Johannes Reichmayr bleibe hinter den Standards vergleichbarer Editionen hinsichtlich der Kommentierung von Personen und Ereignissen zurück, die anderen loben die «Professionalität und Perfektion» der Herausgeber. Für mich ist der beigegebene Apparat, der neben dem Literaturverzeichnis sorgfältige «Kurzbiographien zu den Mitgliedern des engeren Kreises», biographische Anmerkungen zu in den Rundbriefen zitierten Personen, eine Gesamtbibliographie Otto Fenichels, einen Namens, sowie einen Index der Organisationen und Institutionen, der Kongresse, Tagungen und Veranstaltungen und der besprochenen und erwähnten Literatur umfasst, mehr als ausreichend. Perfekt ist im Leben ohnehin nichts, zugänglich nur weniges. Deshalb ist jeder Versuch zu begrüssen, Verschüttetes wieder zugänglich zu machen.Im Fall der Rundbriefe ist der Gewinn für eine wissenschaftliche Rekonstruktion des 20. Jahrhunderts so gross, dass man den Verantwortlichen für die Herausgabe der Rundbriefe aufrichtig dankbar sein kann.
Christian Schneider

Otto Fenichel: «119 Rundbriefe». Hrsg. von Elke Mühlleitner und Johannes Reichmayr. Zwei Bände und CD-Rom. Stroemfeld-Verlag, Frankfurt am Main und Basel. 2137 S., Fr. 398.-.

(From "Basler Zeitung", 29 May 1999)